"Amazing Grace"
"Erstaunliche Gnade"

Spirituals und Gospels sind ursprünglich schwarze Musik. Das Lied „Amazing Grace“ aber stammt von dem weißen Engländer John Newton. Er lebte vor rund 250 Jahren. Dass dieses Lied eines Weißen heute von vielen schwarzen Gemeinden und Gospelchören in Amerika gesungen wird, hat mit der Lebensgeschichte John Newtons zu tun, die er in dem Lied verarbeitet. ... John Newton lebte von 1725-1807. Sein Vater nahm ihn, nachdem seine Mutter verstorben war, früh von der Schule. Als 8-jähriger begleitete er seinen Vater, einen Kapitän eines Handelsschiffes, auf den weiten Seereisen. Mit 11 Jahren wurde er von seinem Vater allein zur See geschickt. Als Jugendlicher hatte er sich schon hochgearbeitet und diente auf einem Kriegsschiff. Wenige Jahre später führte ihn seine Karriere als einfacher Seemann und Matrose auf eines der vielen Sklavenschiffe seiner Zeit. So segelte er von England nach West-Afrika. Es dauerte nicht lange, da hatte er es sogar zum Kapitän eines Sklavenschiffes gebracht. In Sierra Leone wurden Sklaven eingekauft und mit dem Schiff nach Amerika verbracht.

John Newton

Von John Newton heißt es, dass er wie ein Tier war. So brutal und unmenschlich verhielt er sich gegenüber den Sklaven. In Amerika wurden vom Verkaufserlös der Sklaven Baumwolle und andere Waren gekauft. Damit ging es zurück nach England. Auf einer Rückfahrt von Amerika nach England im Januar 1748 geriet sein Schiff in einen fürchterlichen Sturm. Die Wellen schlugen ins Schiff. Lebensmittelvorräte wurden über Bord gespült. Das Schiff lief auf hoher See voll Wasser. In dieser kalten Sturmnacht hat John Newton dem Tod ins Auge geblickt. Aber anscheinend hat er nicht nur dem Tod ins Auge geblickt, sondern auch Gott selbst. Aus Todesnot errettet und in England angekommen, änderte John Newton sein Leben. Was mit ihm passiert ist, das versuchte er in Worte zu fassen schrieb es auf und es entstand der Text des Liedes „Amazing Grace“. Mit einer englischen Melodie versehen, wurde dieses Lied zum meistgesungenen englischsprachigen Kirchenlied, auch in Deutsch übersetzt erklingt es bis in die heutige Zeit hinein.


Sklavenmanmarkt ca. 1882

In der 1. Strophe heißt es: Amazing Grace how sweet the sound that saves a wretch like me.
I once was blind, but now am found was blind, but now I see.

Überraschende Gnade, wie süß der Klang, der mich erbärmlichen Lumpen gerettet hat.
Einst war ich verloren, nun bin ich gefunden. War blind, jetzt kann ich sehen.

Das, was John Newton in jener Nacht erlebt hat, berichtet er nicht. Er gibt uns nur einen Einblick, wie er sich selber vorher und nachher beurteilt. So schildert er rückblickend sein Leben als Seemann und Sklavenhändler als Verbrecher. Er hielt sich selber für einen elenden erbärmlichen Menschen, einen Lumpen („) wretch“). Einer, der die Menschenwürde aufs Äußerste missachtet hatte, bekehrte sich. Für John Newton hieß das nicht, dass er einfach nur fromm wurde und in die Kirche ging. Ihm wurde plötzlich bewusst, was für ein Verbrechen die Sklaverei war – obwohl sie zu seiner Zeit völlig legal war. I was blind, but now I see.“ Er sah plötzlich sich und die Menschen, mit denen er brutal umgegangen war, in einem neuen Licht. Er war blind, jetzt konnte er sehen. Und was er da sah, ließ ihn sein Leben ändern. Er verließ sein Sklavenschiff und nahm in Liverpool einen Posten als Zollinspektor bei den Hafenbehörden an. Er bemühte sich auch um eine neue Ausbildung und mit 40 Jahren wurde er Pfarrer - zuerst in Olney und dann in London.

John Newtons Bekehrung hat aber nicht nur den engen Horizont seines eigenen Lebens erweitert. Ihm wird deutlich, dass es nicht nur darum geht, dass er ein Leben führt, das Gott gefällt. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Darum hat seine Bekehrung auch soziale und politische Konsequenzen. John Newten sieht den Auslöser für die Kehrtwende seines Lebens darin, dass Gott ihn gesucht hat. „I once was blind, but now am found“. Gott hat ihn gefunden. Er hat sich in sein Leben eingemischt. Nicht nur sein Leben heilt dadurch aus. Ihm wird bewusst, dass nicht nur er gerettet werden sollte. „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“  Jahrelang hatte er so gelebt, als seien die Schwarzen, die er nach Amerika verschiffte, eine Ware, Menschen zweiter Klasse – wenn überhaupt. Diese Lebenslüge erkannte er. John Newton schaffte es, der Wahrheit über seine bisheriges Leben ins Auge zu schauen und begriff, dass Gott alle Menschen retten will: Sklaven wie Sklavenhändler. Die einen will er aus der Sklaverei befreien, die anderen aus ihrer Unmenschlichkeit.

John Newton wurde zu einem Vorreiter der Abschaffung der Sklaverei. Er wandte sich an Parlamentarier und wurde schließlich sogar ins englische Parlament als Zeuge geladen, wo er anhand seiner eigenen Logbucheintragungen die grausamen Verbrechen an den Sklaven aufdeckte. Wenige Monate nach seinem Tod zeigte sein jahrelanger Einsatz und sein Predigen Erfolg im englischen Unterhaus. 1808 wurde durch ein Gesetz des englischen Parlaments verboten, Sklaven ein- oder auszuführen. Von einem Unmenschen und Verbrecher zu einem Kämpfer für Gerechtigkeit. Diese Wende war für John Newton selber erstaunlich. Er war überrascht, dass Gott mit ihm noch etwas anfangen wollte. Die Wahrheit über sein bisheriges Leben hätte ihn auch kaputt machen und zerstören können. Aber Gott wollte ihn nicht zerstören oder zum Tode verurteilen. Gott wollte ihn begnadigen. „Amazing Grace“ – „überraschende Gnade“ nannte er darum dieses Lied. Dass dieses Lied eines Weißen heute von vielen schwarzen Gemeinden und Gospelchören in Amerika gesungen wird, hängt sicher damit zusammen, dass gerade die Bekehrung und Umkehr eines Sklavenhändlers ein Hoffnungszeichen für unsere immer noch von Rassismus geprägte Zeit ist.


Plan des Lagerraums eines Sklavenschiffes